Das Warten hat ein Ende, oder:
Über das Wesen der Wartemaschine.
Ein Grundproblem ist, dass nichts oder kaum etwas passiert... Das Hauptcharakteristikum des Wartens liegt in der durch fehlende äußere Reize und Einschnitte begründeten Verrückung des Bewusstseins von Zeitfluss und Dauer.
In einem Zustand aktiven Handelns ist unser Fokus nicht auf das Verrinnen, auf das Wahrnehmen von
Zeit gerichtet, wohingegen monotones Nicht-geschehen die Dimension Zeit überpräsent werden lässt.
„Sie ist nicht mehr nur unbefragte Qualität des Handelns und Erlebens, ein beständiges Herabsinken der
Jetztpunkte in ein Kontinuum von Vergangenheiten, sondern wird darüber hinaus explizites Thema der
Situation.1"
Der Grund für diese im allgemeinen als unangenehm empfundene Nicht-Tätigkeit liegt in der Ausrichtung auf
ein unmittelbares Ereignis, das als Ziel oder Etappenziel dem/der Wartenden von großer Wichtigkeit erscheint.
Die Bedeutung des erhofften Ereignisses beeinflusst die subjektive Dauer dabei erheblich.
„Je wichtiger und existentiell bedeutsamer das Ereignis, umso heraus gehobener die Phase der Einstimmung und
das Warten. Die Zukunft „überschattet" die Gegenwart und durchdringt sie in allen Poren. Das Warten ist ein
Modus des Noch-nicht; 2"
Nicht unmittelbar als überaus wichtig eingestufte Ziele, die oft durch Routineabläufe gegeben sind, (wie das
Warten im Waschsalon) korrespondieren meist mit relativ gelassenem, jedoch durchaus trotzdem als quälend empfundenem Abwarten.
Warten zwingt in eine ungewollte Passivität, die oft durch die Einschränkung der lokalen Mobilität noch
verstärkt wird. In der Schlange eines Supermarktes stehend, bedeutet jede räumliche Änderung (abgesehen von der Vorwärtsbewegung Richtung Kassa), jedes Ausscheren aus der Reihe unweigerlich eine Verlängerung der Wartezeit.
Neben der ins Bewusstsein gerückten Dimension der Zeit, fixiert hier das Warten den/die Wartenden zusätzlich im Raum, was die aufgezwungene Passivität noch augenscheinlicher werden lässt. Zur scheinbaren
Überwindung dieser Raum-Zeit-Fixierung sind sowohl von außen einwirkende Aktivitäten (z.B. durch
Fernsehschirme im Wartebereich, Treffen eines Bekannten), als auch Selbstbeschäftigung (Selbstreflexion, Phantasie, Kreuzworträtsel) adäquate bzw. oft angewandte Mittel.
„Trotz der Präsenz der vielen ist jeder mit sich allein. Das Warten wirft ihn auf sich selber zurück und bringt ihn, weil er nichts tun kann, ins Grübeln. Die Sorge rückt in den Vordergrund und entfaltet fast automatisch die ihr
eigene Dynamik von Steigerung und Beschwichtigung. Wartend stellen wir Fragen, die wir uns sonst nicht
stellen. 3"
„So sehr wir uns auch bemühen, die Wartezeit „sinnvoll zu nutzen", stets haftet den Beschäftigungen beim
Warten etwas seltsam Unwirkliches an. Es sind Aktivitäten innerhalb dominanter Passivität. 4"
Ein weiterer Aspekt des Wartens liegt in der Abhängigkeit des Wartenden. Das Ereignis, nicht er/sie beendet das Warten, das Ende befindet sich meist außerhalb des Einflussbereichs des/der Wartenden. Daraus resultiert unweigerlich eine Abhängigkeit von Personen, die die Dauer bis zum Eintreten des Erwarteten bestimmen oder zumindest beeinflussen können. (z.B. im Dienstleistungsbereich).
„Was das erwartete Geschehen häufig so bedrückend macht, ist die Ungewissheit des Ausgangs. Das antizipierte Ereignis ist letztlich kontingent, unserer Berechnung entzogen. Dies gilt auch und besonders für
Wartesituationen in Bürokratien. Wo andere über uns entscheiden, fühlen wir uns ihnen ausgeliefert. 5"
Dieses Ausgeliefertsein zeigt die Nähe zu einer weiteren gewichtigen, sozialen Komponente des Wartens. Zeit
wird vielfach als Vehikel der Machtausübung verwendet, was z.B. durch das bewusste jemanden Warten –lassen
augenscheinlich zu Tage tritt.
„Macht hat, wer über die Zeit anderer verfügen, ihnen seine Zeit aufprägen kann. Und je demonstrativer er dies tut, je weniger er sich dafür legitimieren muss, desto unangreifbarer erscheint seine Überlegenheit. 6"
Der Zeitbegriff westlicher Gesellschaften (Zeit als Ressource) impliziert, dass Zeit nicht verschwendet werden darf, was zu dem Versuch führt, gesellschaftliche Abläufe zeitlich vollkommen zu strukturieren. Zweck dieses Zeitmanagments ist die Vermeidung des Wartens, jede Verspätung ist legimitierungsbedürftig, Wartezeiten
ineffizient, was den gesellschaftlichen Druck auf den/die Wartende erhöht.
„Es ist die Ökonomie, die die Zeitökonomie hervorbringt. Nur wo Zeit Geld ist, ist Warten teuer. In Ländern mit
sogenannter „Gummizeit", die sich in ihrer Lebensrhythmik stärker an der Ereigniszeit natürlicher Vorgänge oder persönlicher Beziehungen orientieren, hat das Warten einen weitaus weniger prekären Charakter. 7"
An diese Problemstellung anknüpfend hat Robert Levine in seinem Buch „Eine Landkarte der Zeit" die wesentlichen Aspekte des Wartens in den zehn Spielregeln des Wartens zusammengefasst, wobei bei deren Diskussion natürlich auf die unterschiedlichen Zeitbegriffe verschiedener Kulturen eingegangen werden muss:
1) Zeit ist Geld
2) Das Gesetz von Angebot und nachfrage regelt die Länge der Schlange
3) Wie schätzen das, worauf wir warten
4) Der Status bestimmt, wer wartet
5) Je länger die Menschen auf dich warten, desto höher ist dein Status
6) Geld verschafft einen Platz vorn in der Schlange
7) Der Mächtigere kontrolliert, wer wartet
8) Warten kann ein wirksames Kontrollinstrument sein
9) Zeit kann als Geschenk gegeben werden
10) Wenn man sich in eine Schlange drängelt, sollte man es hinten tun.
aus: Eine Landkarte der Zeit, Robert Levine, Piper München Zürich, 1998, S.145ff
Da das Warten aus oben erörterten Gründen für viele als oft quälend und unangenehm empfunden wird, liegt es
in einer maschinisierten Gesellschaft wie der unseren nahe, das „Problem Warten" durch die Entwicklung einer
raffinierten Konstruktion von uns Menschen abzuwälzen.
"Maschine [frz. eigtl. "Kriegs-, Belagerungsmaschine"(von griech. mechané "Hilfsmittel, Werkzeug")],
Vorrichtung, mit der eine zur Verfügung stehende Energieform in eine andere, für einen bestimmten Zweck
geeignete Form umgewandelt wird (Energie- bzw. Kraftmaschinen, z. B. Dampf-M., Verbrennungskraft-M.,
Generator) oder mit der die von einer Kraft-M. gelieferte Energie in gewünschte Arbeit umgesetzt wird
(Arbeitsmaschine, z. B. Werkzeugmaschine). M. ermöglichen, erleichtern oder vereinfachen Arbeiten, für die der Mensch zu schwach oder zu wenig ausdauernd ist. 8"
Wie vermag nun die Vorrichtung in „Die Wartemaschine" das Warten für den Protagonisten zu übernehmen, in
welchem Sinn handelt es sich dabei wirklich um eine Maschine, und welche Konsequenzen oder Gefahren
können aus dem Gebrauch einer Wartemaschine resultieren?
Untersucht man die Eigenschaften der Wartemaschine und vergleicht diese mit angeführter Definition, so wird
man schnell übereinstimmende Aspekte allein aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes der Wartemaschine
feststellen. So wandelt die WM offensichtlich eine ihr zur Verfügung stehende Energieform in eine andere
(nämlich mechanische und elektromagnetische Energie) um, und erleichtert dem Menschen Arbeiten, für die er
zu wenig ausdauernd ist. Diese „Arbeitserleichterung" und damit ein substantieller Teil der Definition ist dem
Protagonisten schon in der ersten Einstellung gleichsam ins Gesicht geschrieben. „Die Wartemaschine" scheint
somit die Existenz und Funktionalität einer solchen Maschine von Beginn an als evident festzulegen. Die Frage nach dem wahren Funktionsprinzip bleibt als Rätsel dem Zuschauer für die gesamte Dauer erhalten;
Das rote Drehlicht und das wohl durch den Drehmechanismus verursachte metallische, periodische Geräusch verführen zunächst zur Annahme, die WM versuche lediglich durch optische und akustische Reize den subjektiven Zeitfluss des Protagonisten aus dessen Bewusstseinsmittelpunkt zu rücken. Dies würde
Übereinstimmung mit der Definition einer Maschine erzielen, da damit die augenscheinliche
Energieumwandlung der WM in direktem Zusammenhang mit ihrem Wirkungsprinzip stünde. (Licht und Ton
als Grundlage des Funktionierens)
Aus der Tatsache aber, dass dem Zuschauer die beiden offensichtlichen Funktionsaspekte der WM, nämlich ihre
Licht- und Tonwirkung in ähnlicher Weise wie dem Protagonisten zugänglich sind, wird die Annahme, die WM sei eine simple „Ablenkungsmaschine", bei jedem Moment des Wartens seitens der Zuseher ad absurdum
geführt.
Das wahre Funktionsprinzip bleibt unsichtbar, scheint vielmehr ein dem Protagonisten individuell
zurechtkonstruiertes zu sein, eine Analogie zum Warten selbst, das uns individualisiert, isoliert und auf uns
selbst zurückwirft.
Das rote, geräuschvolle Drehlicht ist mehr ein überdimensionaler Signalspot, der den On-Status der Maschine bezeichnet und das Warten dem Wartenden bewusster macht.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis der Maschine; Vielmehr der Versuch, einen Spot, einen Fokus auf die
Wartezeit selbst zu setzten und nicht durch diverse physikalische oder psychologische Tricks die Zeit
totzuschlagen.
Die Wartemaschine ist keine Totschlagmaschine, obwohl auch die WM in manchen Situationen durchaus ihr
fatales Potential offenbart. Aus einer überschnellen Aktivierung heraus und ohne die bevorstehende
Wartesituation hinreichend analysiert zu haben, findet sich der Protagonist in der Ampelszene vor einem
unüberwindbarem Hindernis. Aus dieser Situation kann er sich selbst nicht mehr befreien, er ist Gefangener
seiner Wartemaschine, ihr hilflos ausgeliefert; [ähnlich wie in Kubrick's „2001, Odyssee im Weltraum" die
Crew der Discovery der Kontrolle von HAL 9000 (vgl. „rotes Auge") unterliegt.]
Durch die unbewusste Hilfe eines Passanten wird der Protagonist gerettet, nur von außen, ohne Möglichkeiten
selbst initiativ zu werden, kann er der Warteschleife entkommen.
Dieser Ausblick auf die Unendlichkeit greift gewissermaßen bereits auf das Ende vor, legt einen möglichen Ausgang offen, der die Frage vom Warten im speziellen auf eine Fragestellung nach der persönlichen Zeit im allgemeinen extrapoliert.
Spätestens in der Parkszene fällt auf, dass sich die Klangcharakteristik der Szenen zunehmend ändert. Zu Beginn bettet sich das Geräusch der WM noch natürlich in die Umgebungsatmo der Bushaltestelle; Mit weiterem
Verlauf tritt dieser „Signalton" aber immer weiter in den akustischen Vordergrund, bis er im Park schließlich
nicht nur die Überhand, sondern den gesamten akustischen Raum übernimmt. Die Wartemaschine, das Warten selbst, scheint den Raum zu wechseln, drückt unweigerlich und zusehends in den Raum des Zuschauers, was durch die für den Zuschauer subjektiv immer länger werdenden Szenen noch potenziert und unterstrichen wird.
Es ist nicht klar wie lange er im Park gewartet hat bzw. wie lange die Maschine für ihn gewartet hat, oder auf
was, vielleicht auf die Frau seines Lebens; oder aber er hat die Blumen für sich selbst mitgebracht und sie liegen
nun verschneit neben ihm.
Am Ende ist das Warten, das Warten auf das Endgültige für den Protagonisten vorbei, sein Warten hat ein Ende
gefunden. Das der Zuschauer noch nicht; Doch in diesen sieben Minuten ist ihnen eine Wartemaschine
übergeben worden, und ausprobiert haben sie sie auch schon...
Versuche, die Sache vor allem in ihrer Einfachheit zu sehen, das Warten, das Nichtwissen warum, oder wo, oder wann oder auf was.
SAMUEL BECKETT
Lass sie lachen, lass sie weinen, aber vor allem, lass sie warten.
BILL SMETHURST, SEIFENOPERNPRODUZENT
Es ist gut zu hoffen, nur das Warten verdirbt es
ALTES JÜDISCHES SPRICHWORT
videoband ,2005
1) SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Aula – Manuskriptdienst
„Die Zeit entsteht mit der Unlust" – Eine kleine Soziologie des Wartens
Autor: Prof. Rainer Paris,
Redaktion: Frank Niess;
Sendung: Sonntag, 16.03.2003, 8.30 Uhr, SWR 2
2) Ebd.
3) Ebd.
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6) Ebd.
7) Ebd.
8) Meyers Großes Taschenlexikon (3. Auflage), BI-Taschenbuch-Verl.; Mannheim, Wien, Zürich; 1990.