Wolfgang Voigt: Geduld
from Freiland Klaviermusik
Profan 33
Arrangement+Piano:
Gregor Schwellenbach

Voigt, Beethoven und der MIDI-Sound Nr. 000
Wolgang Voigts "Freiland Klaviermusik"

Beethovens Klaviersonaten kann man auch im Konzert hören. Ihre natürliche Bestimmung aber ist vielmehr, von Amateuren (also: Liebhabern) möglichst gut im heimischen Wohnzimmer gespielt zu werden. Beethoven komponierte seine Klaviersonaten in dem Wissen dieser Rezeption. Schliesslich verdiente er sein Geld überwiegend nicht mit Konzerten, sondern damit seine Stücke an Verlage zu abzutreten, die ihrerseits ihr Geld mit dem Verkauf der Noten verdienen.
Freilich wird die Version der Sonate, die sich der ertaubende Beethoven beim Komponieren vorgestellt hat im heimischen Wohnzimmer niemals erklingen. Eine wie auch immer gelungene Fassung ist hier die absolute Ausnahme. Das Üben selbst stellt die natürlichste Form der Beschäftigung mit Beethovens Musik dar. Auch ein gelegentliches Vorspiel vor Verwandten oder bei Hauskonzerten ist immer nur ein Stand der Dinge, die perfekte Version erklingt niemals.

Ein andere Aspekt der Rezeptionspraxis Beethovenscher Musik: Bevor Tonträger erfunden waren, wurde das Klavier im Wohnzimmer auch genutzt um Orchesterwerke zu spielen. Das Orchesterklang-Erlebnis spielte sich dabei im Kopf ab, während das Klavier im Rahmen seiner Möglichkeiten an das Werk erinnert, die Struktur abbildet, eine sinnvolle Auswahl von Tönen wiedergibt und Klangfarben so gut es geht imitiert.

Wenn nun Wolfgang Voigt die Prinzipien des Genres Minimal Techno in seinem Spätwerk auf den Klavierklang überträgt, es also von der Tanzfläche ins Wohnzimmer holt, so ist die Beschränkung auf den Sound mit der Midi-Nummer 000, das Klavierpreset, nicht nur ein Verweis auf die Reinheit der Struktur. Es bezieht sich auch auf den Sound von 200 Jahren Rezeptionsgeschichte bürgerlicher Kunstmusik.
Darum ist es nur folgerichtig, dieses Werk in Form eines Übungs-Zwischenstandes auf einem nicht frisch gestimmten Klavier inklusive Raumklang eines bürgerlichen Wohnzimmers vorzulegen. Eine perfekte, also durchproduzierte und autorisierte Version wird der Idee des Werkes nur zum Teil gerecht.

Gregor Schwellenbach 2011

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