MITTEKILL – “Ich will Eure Jobs nicht” vom Album “ALL BUT BORED, WEAK AND OLD”

Staatsakt/RTD VÖ: 13.04.2012 mittekill.de

Ist es auch gebrochen

"Computerspiele beeinflussen die Kinder nicht, ich meine, wenn Pac-Man uns als Kinder beeinflusst hätte, dann würden wir jetzt alle in abgedunkelten Räumen herumrennen, magische Pillen einwerfen und monotone elektronische Musik hören."

Egal, ob dieses Zitat nun von einem ominösen Herrn Wilson aus dem Hause Nintendo stammt, oder von einem Komiker namens Marcus Brigstorke, der irgendwann mal das Urheberrecht auf dieses Zitat anmeldet hat. Fakt ist: Es stammt aus den frühen 80er Jahren und bleibt urkomisch.

Dem Zitat nach dürfte man Berlin heute wohl längst als Pacman-City bezeichnen. Denn nirgendwo sonst of der Welt kann man so ausufernd lange zu elektronischer Musik in Clubs unter Ketamin-, MDMA-, Kokain-, Speed- oder Sonst-wie-Einfluss tanzen wie hier.

Aber was man in den berauschenden, hedonistischen Nächten schnell vergisst: Auch in Berlin wird ganz normal gelebt, geschlafen, geweint und Klopapier gekauft.

Friedrich Greiling lebt seit über zehn Jahren in Pacman-City. Als die Hipster Anfang der Nullerjahre in Berlin-Mitte die Bars und Clubs besetzten, gründete er MITTEKILL. Ein Projekt das von Herzschmerz über Ravelust, Bierchenlaune und Weltschmerz alles vereint, was unsere Drüsen tagtäglich in uns produzieren: Gefühle.

Mit "All but bored, weak and old" erscheint das dritte MITTEKILL-Album nun bei staatsakt, einfach weil es gar kein anderes Label in Berlin mehr gibt, auf dem jemand, der mit der genialen Schluffigkeit eines Knarf Rellöms genauso viel anfangen kann wie der mit programmierten Eleganz von Trentemöller, überhaupt noch eine Platte veröffentlichen kann.

Die neue MITTEKILL ist ein wunderbar eklektizistisches Album, auf dem man beim Hören oft eher an den Spät-Siebziger Düsseldorf-Sound à La Düsseldorf, S.Y.P.H oder Mittagspause denken muss als an aktuelle Berliner Patternwirtschaft.

Greilling schreibt mit Liedern wie "Leb wohl" oder "Ist es auch gebrochen" schnoddrige-schöne Balladen, die an Lindenbergs "Daumen im Wind" erinnern, in "Chinaimbiss Berlin" leuchten die Sterne wie zu "Fickt das System"-Zeiten und wenn man Tracks wie "Endconnection" hört fragt man sich unweigerlich, warum dieser Mann nicht längst ein international gefragter Clubheld ist...

Aber "All but bored, weak and old" will eben nicht nur die geilen Beats und Sounds mit auf die Cloud nehmen, sondern auch den Blues.

So sind die Songs auf diesem Album wie eine Sammlung kurzer, urbaner Kurzgeschichten zu lesen: Es wird getanzt, es wird gelacht, es wird gefickt, es wird sich verliebt und wieder getrennt. Der Puls der Zeit, die Bassdrum der Stadt klopft weiter unerbittlich an der Haustür, und die Snaredrum des Kapitals peitscht einen durch das Leben, dessen einziges Ziel es zu sein scheint, sich durchzuwurschteln und dabei nicht ganz unglamourös auszusehen.

Anders formuliert: Wer jemals in den Morgenstunden nach einer durchgezechten Nacht eine letzte Nachdenkzigarette im Sommer auf dem Balkon geraucht hat, während die Spatzen und Tauben ihre ersten Runden über den Dächern der Stadt drehen, wird dies Platte lieben...

Im Frühling geht alles wieder von vorne los: Amor fati.

Maurice "Das Herz war Nihilismus" Summen.

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