Deutschland/Germany 2003/04, Beta-SP Video 13:00
Video: Heiko Daxl
Musik / music: Tobias PM Schneid und Marcus Lehmann-Horn

produziert von / produced by media in motion - Berlin, adevantgarde - München

UNBEWEGT- BEWEGT
Das Erleben ist nichts anderes als die Veränderung des Gedächtnisses. Eindrücke nehmen wir in uns
und/oder zeichnen sie technisch auf. Somit ist unser Gedächtnis auch zu einem medialen Speicher
geworden. Seit sich die Fortbewegungs- und die Reproduktionsmittel zu einer Maschine
zusammenschlossen, haben sich Zeit- und Raumempfinden dramatisch verändert. Bewegt durch die Bilder, aber unbewegt auf unserem Platz ziehen seit 150 Jahren in der Eisenbahn und seit 100 Jahren im Kino die
Panoramen der Landschaft und der Geschichte(n) an an vorüber.

Diese bewegten Panoramen verändern unsere sinnliche Erfahrung, wie es Victor Hugo schon 1837 ineinem
Brief äusserte: "Die Blumen am Feldrain sind keine Blumen mehr, sondern Farbflecken, oder vielmehr rote
oder weiße Streifen; es gibt keinen Punkt mehr, alles wird Streifen; die Getreidefelder werden zu langen
gelben Strähnen; die Kleefelder erscheinen wie lange grüne Zöpfe; die Städte, die Kirchtürme und die
Bäume führen einen Tanz auf und vermischen sich auf eine verrückte Weise mit dem Horizont; ab und zu
taucht ein Schatten, ein Gespenst (...) auf und verschwindet wie der Blitz."

Diese Beschreibung nimmt bereits das Kino vorweg, wo aus dem endlosen Band beim Blick aus dem
Zugfenster ein die Zeit variierendes, durch Schnitte gegliedertes Filmband entsteht. Die Eisenbahnreise hat
bereits kinematographische Wahrnehmungen hinterlassen, die im Film in gesteigerter Form zum Ausdruck kommen. Nicht zufällig war eine der ersten von den Brüder Lumiére gedrehten Aufnahmen der
Filmgeschichte ein in den Bahnhof einfahrender Zug (1894). Damals ein Schockerlebnis für die Betrachter
markierte es den Beginn des Zeitalters der verdichteten Zeit jenseits der physischen Transportmittel.

Filmvorspänne und Aufnahmen von Eisenbahnsequenzen bilden das Rohmaterial der Arbeit. In ihrer
Bearbeitung und Montage im Zusammenhang mit der musikalischen Komposition bieten sich Ansatzpunkte
für gedankliche Ausflüge, für Umkurvungen, Träume, Umwege, Imaginationen, entkommene Erinnerungen,
den Austausch der Bild- und Musikwelten. So läßt sich in Abwandlung von Guy Debord im beweglichen
Raum des Spiels und der freigewählten Variationen der Spielregeln eine mögliche Wirklichkeit der Reise
zurückbringen und des Lebens, das als Reise begriffen wird, die in sich selbst all ihren Sinn hat. In der
Dauerhaftigkeit des Flüchtigen bleibt jedoch viel Vertrautes ein Rätsel.

Züge symbolisieren die Fragen des WOHER und WOHIN, unterschiedliche (Lebens-) Situationen/abschnitte,
die jeweils verschiedene Sichtweisen ein und desselben hervorrufen, und ein aus diesen Sichtweisen
resultierendes sehr differenziertes Zeitempfinden, aber auch Melancholie des Abschieds, gespannte
Erwartungen auf Kommendes, Entschlossenheit, Resignation.
Es kommt zu Brüchen und Grenzsituationen, bei der die eigene (ästhetische) Welt ungewohnte
Kontrapunkte erfährt. (Tobias PM Schneid)

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Experience is nothing else than change of memory.

Film-leaders and takes of railways are the raw footage of the work. By manipulation and montage in relation
to the musical composition there are points for thoughtful excursions, roundabouts, dreams, curves,
imaginations and lost memories. But the continuance of transitoriness keeps its familiar riddle. Arailway
journey as a cinematographic experience.

"The flowers are not flowers anymore, but spots of colour, or better to say red and white stripes. There is no
point, everything turns into stripes. Cornfields like long yellow strands of hair and meadows like long green
plaits. Church towers and trees start to dance and merge in a lunatic way with the horizon. Sometimes a
shadow appears, a ghost (...) and disappears like a flash" (Victor Hugo, 1837)

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