Bom dia, Deutschland! – Erfolg in neuer Heimat
WDR Fernsehen: 15.6.2012, 23:15 Uhr

„Er hatte Sandalen an mit Socken, war rot wie ein Shrimps und ich habe gedacht, das kann nur ein Gringo sein“, erinnert sich die Brasilianerin Erli de Oliveira Santos-Brück an ihre erste Begegnung mit ihrem heutigen Ehemann Alwin Brück. Als sich die Krankenschwester aus São Paulo und der Molkereileiter aus Köln 1978 beim Karneval in Rio ineinander verlieben, ist das kleine gelbe Wörterbuch unentbehrlich. Heute, 33 Jahre später, erzählt die Brasilianerin ihre Geschichte auf Deutsch.
Die beiden halten ein Jahr lang Briefkontakt, dann entscheidet sich Erli, Alwin zu besuchen. Bei ihrer Ankunft am Kölner Flughafen 1979 schleppt sie einen schweren Koffer voller brasilianischer Lebensmittel: schwarze Bohnen, Maniokmehl, eingelegter Pfeffer, Kaffee und eine Flasche Zuckerrohrschnaps. In Köln leben zu dieser Zeit nur wenige Brasilianer, und die Hochzeit der beiden acht Monate später sorgt in der lokalen Presse für die Schlagzeile Kölner heiratet schwarze Schönheit von der Copacabana. „Ich habe damals gedacht, ich wäre die einzige schwarze Frau im Land“, sagt Erli Santos-Brück. Heute leben im Rheinland 15.000 Brasilianer - die größte Community in Deutschland. Die brasilianische Migration ist weiblich, etwa 70% von ihnen sind Frauen.
„Von Rio nach Velbert, das war eine Katastrophe!“, erinnert sich Maria de Fatima Thomas. „Ich sprach kein Wort deutsch, die Stadt war grau in grau, mein Mann war noch Student und wir hatten kein Geld.“ Die Brasilianerin, die im Nord-Osten Brasiliens aufgewachsen ist und in Rio de Janeiro studiert, kommt in den 80er Jahren mit einem Stipendium nach Europa. Auf einer Rundreise lernt sie den angehenden Englischlehrer Uwe Thomas kennen und entscheidet sich, ihn später in Velbert zu besuchen. Die Studentin will sich weiterbilden und in Düsseldorf Deutschkurse besuchen. Nach acht Monaten „Kleinstadt-Katastrophe“ zieht das Paar um nach Neuss. „Es war nicht der Strand von Rio, aber wenigstens war der Rhein da.“ Sie heiraten und Fatima bleibt.
Heute ist Maria de Fatima Thomas erfolgreiche „Kuchen-Designerin“ mit Kunden aus ganz Deutschland. In Brasilien, England und den USA hat sie sich ausbilden lassen, aufwändige Torten für besondere Anlässe herzustellen. „Ich kann aus Zucker alles modellieren, was man sich vorstellen kann“, sagt sie. 2007 startet Maria de Fatima Thomas ihr eigenes Unternehmen und eröffnet in Meerbusch ein Kuchenatelier. Mit ihren Unikaten aus Kuchen und Zucker fasst sie schnell Fuß, „Kuchendesign“ ist in Deutschland eine Marktlücke. „Meine Herkunft ist dabei unübersehbar. Meine Rezepte und vor allem die Früchte, die ich verarbeite, stammen aus Brasilien.“ 
Ein großer Teil Brasilianer hat Vorfahren aus Europa. Zehn Prozent aller Brasilianer haben deutsche Wurzeln - wie Jean Kleeb. Die Vorfahren des Musikers aus Marburg sind aus wirtschaftlichen Gründen nach dem ersten Weltkrieg aus Deutschland und der Schweiz nach Brasilien eingewandert. Schon als Kind spielt Jean Klavier, mit 16 Jahren beginnt er ein Studium der Schulmusik und Komposition in São Paulo. Nach dem Examen kommt er nach Stuttgart. „Ich wollte unbedingt eine Ausbildung in Waldorfpädagogik machen.“
Trotz deutscher Vorfahren kann er die Sprache nicht. Er lernt, dass man Fremde siezen muss, was eine Kehrwoche ist und dass in Deutschland Autofahrer an Zebrastreifen anhalten. „Hast Du denn schon Deine Hände versichert?“, wird der Pianist einmal gefragt und kann sich über das deutsche Sicherheitsbedürfnis nur wundern. Nach eineinhalb Jahren Ausbildung will er zurück, doch in Brasilien gibt es nur wenige Waldorfschulen und Jean Kleeb findet keinen Job. „Also nahm ich eine Stelle in Marburg an.“
Heute ist Jean Kleeb freischaffender Musiker und Komponist. Jeden Montag fährt er von Marburg nach Köln, um den Chor „Vozes do Brasil“ zu leiten. Jean Kleeb versteht sich als Kulturvermittler. Die Brasilianer sind für ihn ein Vorbild in Integration, sie behalten ihre kulturellen Wurzeln, pflegen aber intensiven Kontakt zu den Deutschen. Vergangenes Jahr hat sich Jean Kleeb für die doppelte Staatsbürgerschaft entschieden und hat nun auch einen deutschen Pass: „Ich wollte endlich wählen, endlich ganz dazugehören.“
„Bom dia, Deutschland“ ist Teil einer Doku-Reihe über Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, die erfolgreich in Deutschland ihren Weg gegangen sind – und das trotz vieler Hürden. Die Filme erzählen von Abschieden und Neuanfängen, von Hoffnungen und Vorurteilen, von Identitätssuche und vom Willen und der Kraft, sich ein Leben in einer neuen Heimat selbst zu gestalten.

Autorin: Renate Werner
Kamera: Roland Körffer
Ton: André Schäfer
Schnitt: Kirsten Becker
Redaktion: Christiane Mausbach

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