Hello Gravity

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Handyspiele, Papierpeitschen und Shakespeare. Nach Monaten des Wartens heben Hello Gravity aus München endlich den Vorhang zum zweiten Akt! Daher Trommelwirbel, Konfetti und Tusch: The Golden Kind ist da, und lässt einen vor Freude glatt Purzelbäume schlagen.

Bereits nach den ersten Takten im gleißenden Rampenlicht ist der Zuhörer überzeugt: Diese vier sympathischen jungen Musiker haben ihr neues Werk zweifellos für die Bühne geschrieben. Und so startet The Golden Kind mit einer epischen, funkensprühenden Indiepop-Overtüre, mit buntem Glitzer auf den Wangen, jeder Menge choralen Oh-Oh-Ohs und dem markanten Falsettgesang von Frontmann Mike Zitzelsberger – der jetzt auf dem gesamten Album die stimmliche Hauptrolle übernimmt. Auch sein Bruder Tom am Bass, Felix Koch an der Gitarre und Simon Popp am Schlagzeug besinnen sich wieder auf ihre Kernkompetenzen zurück. Das Ergebnis: ein gereiftes, durchgängiges und vielschichtiges Album, als eine Art musikalisches Bühnenstück konzipiert, welches wunderbar als Ganzes funktioniert – sich aber auch Track für Track im Zeitalter der 99-Cent-Downloads behauptet.

Zugegeben, die Messlatte hängt seit ihrem sensationellen Debüt Wunderkind hoch, doch wirklich davon beeindrucken lassen sich Hello Gravity in ihrer unbekümmerten Art nicht: „Für uns ist es in erster Linie am wichtigsten, dass wir selbst die Songs geil finden und uns nicht den Zwängen von außen beugen“, so Gitarrist Felix. Ein Ansatz, zu dem auch ihr Label steht. Aus diesem Grund darf sich The Golden Kind zum facettenreichen, synthstrotzenden und rifflastigen Entdeckeralbum entwickeln – weniger lieblich als der erste Streich, eher mit Ecken und Kanten, hinter denen immer wieder verblüffende Elemente hervorblitzen. Verantwortlich dafür ist Produzent und Soundtüftler Ron Flieger, der zuletzt mit schnittigen Remixen für Foster The People und Ladyhawke unter anderem bei BBC Radio und in der Blogosphäre für Furore sorgte. Beim Song „Iceberg“ hingegen schickt er fast vergessene Soundschnipsel endlos durch die Effektmaschine, bis sie zu neuen interessanten Klanggebilden heranwachsen – dabei verändert sich das Geräusch eines zerreißenden Papierblatts plötzlich zur antreibenden, schnalzenden Peitsche.

Trotz aller Durchgängigkeit sind es vor allem diese spontanen Einfälle, welche die Scheibe rund klingen lassen. Wie die Soundidee beim bleepigen Intro zu „Lust“, die sich nach übermäßigem Handyspielkonsum in den Recording-Wartepausen einnistete. Oder das elektronische Gewaber im Track „Night“, das im ersten Moment wie eine Hommage an den Ryan-Gosling-Thriller „Drive“ klingt, nur um einen dann mit unvermittelten Hip-Hop-Beats und Rockgitarren aus dem Sitz zu heben. „Jeder von uns hat musikalisch und textlich seine eigenen Interessen einfließen lassen“, so Synth-Mann und Sänger Mike, der als Inspiration für den Titel „Elise“ eine typische Romeo-und-Julia-Geschichte anführt. „Wir wollen bewusst auch zweideutig schreiben und Tabus aufgreifen, aber in den Songs soll es keineswegs nur um die gescheiterte Liebe gehen – Themen über Neid, Zorn und Missgunst haben ebenso ihren Platz."
Ja, Hello Gravity haben sich noch einmal weiterentwickelt! Das spiegelt auch das epische Outro bei „Youth“ wider, dem finalen Song auf dem Album: mit Chor und ewigem Fade-out, als wollten sie damit ihre eigene Jugend reflektieren. The Golden Kind versteht sich als Momentaufnahme, als Spotlight auf vier hochbegabte Talente, die mittlerweile zwar das Kindliche abgelegt haben, am Kindischen aber glücklicherweise festhalten.

Martin Niederreiter

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