Zeitwille

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Nicht die einzelnen Atome der Partikel und Elemente, nicht die einzelnen Reflektionen des Lichts auf der Oberfläche der Struktur sind es, die manche Eindrücke bedeutungsvoll erscheinen lassen, sondern der Umstand, dass berühmte Verwirklichungen nicht das Werk einzelner Persönlichkeiten, sondern Schöpfungen ganzer Epochen und Generationen sind.
Wer fragt angesichts solcher Momente der Erfahrung nach Namen und was bedeutet die zufällige Persönlichkeit der Künstler?
Die entscheidenden Leistungen auf allen Gebieten tragen einen objektive Charakter und ihre Urheber sind meist unbekannt. Das künstlerische Wirken ist seinem Wesen nach ganz unpersönlich.
Es ist reiner Träger eines Zeitwillens.
Hierin liegt dessen tiefste Bedeutung.
Nur so kann das Wirken zum Symbol seiner Zeit werden.
Künstlerisches Wirken ist immer raumgefasster Zeitwille, nichts Anderes.
Ehe diese einfache Wahrheit nicht klar erkannt wird, kann der Kampf um die Grundlage eines neuen Realismus in der Kunst nicht zielsicher und mit wirksamer Stoßkraft geführt werden; bis dahin muss es ein Chaos durcheinander wirkender Kräfte bleiben.
Deshalb ist die Frage nach dem Wesen der Kunst von entscheidender Bedeutung.
Man wird begreifen müssen, dass jede Kunst an ihre Zeit gebunden ist und sich nur an lebendigen Aufgaben und durch die Mittel ihrer Zeit manifestieren lässt.
In keiner Zeit ist es anders gewesen.
Deshalb ist es ein aussichtsloses Bemühen, Inhalt und Formen früherer Epochen unserer Zeit nutzbar zu machen.
Selbst die stärkste künstlerische Begabung muss hier scheitern.
Wir erleben immer wieder, dass hervorragende Künstler nicht zu wirken vermögen, weil ihre Arbeit nicht dem Zeitwillen dient. Sie sind letzten Endes trotz ihrer großen Begabung Dilettanten, denn es ist bedeutungslos mit welchem Elan das Falsche getan wird.
Es ist ein alter Trugschluss fernstehender Betrachter, für die Tragik solcher Fälle die Zeit verantwortlich zu machen.
Man kann nicht mit zurückgewandtem Blick vorwärts schreiten und nicht Träger eines Zeitwillens sein, wenn man in der Vergangenheit lebt.
Das ganze Streben unserer Zeit ist auf das Profane gerichtet.
Die Bemühen der Mystiker werden Episoden bleiben.
Trotz einer Vertiefung unserer Lebensbegriffe werden wir keine Renaissance erleben.
Auch die große Geste bedeutet uns nichts, denn wir spüren dahinter die Leere der Form.
Unsere Zeit ist unpathetisch.
Unsere Zeit ist bemessen.
Unsere Zeit ist das Jetzt.
Wir schätzen nicht den großen Schwung,
sondern die Vernunft und das Reale.

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