Die Selbstermächtigung des Einzigen -
ein Max-Stirner-Workshop

CultureLab 3.2 Selbstermächtigung#Stirner
selbstermächtigung.net

Universität Koblenz, E 313, 23.02.2012

Unsere Arbeitshypothese lautet, dass Selbstermächtigung ein grundlegendes Muster der Spätmoderne im 21. Jahrhundert darstellt, mit dem wir einen Grundzug der gegenwärtig zu spürenden Dynamik erfassen und beschreiben können.
Dabei spielt Max Stirner, insbesondere mit seinem Hauptwerk „Der Einzige und sein Eigentum“ (erschienen 1844/1845), eine besondere Rolle: Der Grundbegriff bei Max Stirner ist die Eigenheit, den er synonym mit dem Begriff Egoismus verwendet – häufig spielerisch und in vollem Bewusstsein für dessen negativen Konnotationen.
Das Subjekt ist nach Max Stirner durch ganze Komplexe anzustrebender Ideen geprägt, die es nicht hinterfragt. Diese Ideen, insbesondere „letzte Ideen“ oder Grundannahmen über Gott und andere christliche Ideen, aber auch Annahmen über „den Menschen“ v.a. bei den Junghegelianern stellt Stirner in nominalistischer Tradition radikal in Frage. Er verwendet für Ideen jeglicher Art den Ausdruck „Gespenster“ und entwickelt in seiner Schrift auch eine ausgeprägte Gespenstermetaphorik. Da die Annahme von anzustrebenden Ideen den Kern der Religion ausmachen (also letztlich alles, was man heute als Utopien kennt), bezeichnet er auch kommunistische Ansätze als „religiös“ (Marx hat ihn dafür in der „Deutschen Ideologie“ in beißender Form kritisiert).
Aufgrund dieses „deontischen Komplexes“ sind nach Stirner die eigenen Interessen der Einzelnen verdeckt, werden gerade als „egoistisch“ abgewertet. Ziel der Stirnerschen Philosophie ist es daher, sich durch (Sprach-)Kritik der Substanzlosigkeit jeglicher Sollensforderungen bewusst zu werden bzw. diese Annahmen gezielt aufzusuchen und zu zerstören. Dann können sich nach Stirner die eigenen Interessen überhaupt erst zeigen und entwickeln. Man kann hier durchaus eine Art Über-Ich-Konzept im Sinne Freuds erblicken. Stirner nennt zwar den Begriff der Selbstermächtigung nicht, konzeptuell ist aber das ganze Buch davon durchzogen, man könnte den gesamten Prozess der Befreiung vom Über-Ich auch als einen Prozess der Selbstermächtigung bezeichnen. Dieser Prozess der Selbstermächtigung hört nach der Zerstörung des Über-Ichs nicht auf, sondern kann erst dann in voller Intensität beginnen. Dieses Motiv der Befreiung aus einer enteigneten Situation prägt viele „kritische“ Diskurse und kann auf eine lange Tradition bis in die Aufklärung und weiter bis in die Antike zurückblicken.
Eine Grundfrage des Stirnerschen Ansatzes stellt sich bei der Entwicklung von Sozialität, d.h. wie können sich aus einer Menge individueller Eigenheiten soziale Gruppen oder Gesellschaft bilden. Stirner entwickelt diesen Gedanken durch seine Kritik der Staatsidee, die seit Hobbes als das unverzichtbare Konstrukt des politischen Zusammenlebens erscheint. Dafür setzt er den „Verein“, einen auf freiwilliger Basis entstehenden losen Zusammenschluss von selbstermächtigten Subjekten, die der Auffassung sind, das sie in dieser Vereinigung ihre Interessen besser realisieren können also ohne diese Vereinigung. Mit unserem gegenwärtigen Begriff von "Verein" im Sinne eines "e.V." hat dies alledings wenig zu tun. In heutigem Sprachgebrauch könnte man statt Verein eher „Netzwerk“ sagen: „nicht einen andern Staat (etwa ,Volksstaat‘) bezweckt man, sondern seinen V e r e i n, die Vereinigung, diese stets flüssige Vereinigung allen Bestandes.“ (Stirner, Der Einzige und sein Eigentum, S. 288).
In jüngster Zeit ist Stirner daher in seiner politisch-sozialen Bedeutung diskutiert worden: Diese eher lockeren freiwilligen Zusammenschlüse werden durch Technologien der Gemeinschaftsbildung unterstützt, wobei die intensive Nutzung dieser Technologien wiederum deren Weiterentwicklung fördert.

Organisatoren
Wolf-Andreas Liebert , Univ. Koblenz
Werner Moskopp, Univ. Koblenz

Gesamtplanung des Projekts Selbstermächtigung
Clemens Albrecht, Univ. Koblenz
Winfried Gebhardt, Univ. Koblenz
Christian Geulen, Univ. Koblenz
Wolf-Andreas Liebert , Univ. Koblenz

Musik
Claude Debussy: Menuett

Midi-Daten
Bernd Krüger
Performance
Wolf-Andreas Liebert
Lizenz: Creative Commons CC-BY-CA
creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/

Video
Fractal-zoom-1-15-rupture
YGingras
commons.wikimedia.org/wiki/File:Fractal-zoom-1-15-rupture.ogg (public domain)

Clip
Wolf-Andreas Liebert
Universität in Koblenz
2012

Loading more stuff…

Hmm…it looks like things are taking a while to load. Try again?

Loading videos…