Heute würde man es einen Kollateralschaden nennen: bei Einnahme einer Festungsstadt wird die Marquise vom russischen Grafen und Oberstleutnant F... während ihrer Ohnmacht vergewaltigt. Ein traumatisches Ereignis, auf das die junge Frau mit Gedächtnisverlust reagiert. Von ihrer Familie noch vor der Niederkunft verstoßen, sucht sie den Vater per Annonce und ist bereit, in einem paradoxen Einverständnis mit dem Täter, diesem zu verzeihen und ihn zu heiraten. Das Christentum kennt einen Fall der unbefleckten Empfängnis – und auch Kleist kennt keinen zweiten. Bei ihm, der selbst in der Garnison Frankfurt (Oder) diente und als Leutnant in Mainz und im Rheinland focht, geht es irdischer zu.

1808 schreibt Heinrich von Kleist Die Marquise von O... Fünf Jahre später, im März 1813, trifft die russische Armee in dem bis dahin von den Franzosen besetzten Berlin ein; Kosaken-Verbände und 300.000 russische Soldaten kämpfen anschließend mit Preußen gegen Napoleon auf deutschem Gebiet. Der Krieg befreit und eint nicht nur die deutschen Staaten, er kreiert auch den später seine historischen Abgründe öffnenden Nationalismus und initiiert eine besondere Verbundenheit von Russland und Deutschland. Ein Verhältnis, das später wie kein anderes in Barbarei und Blutvergießen umschlägt. Frank Castorf – dessen Regiemethode sich als plötzliche Verfertigung der Inszenierung beim Sprechen beschreiben lässt – nimmt sich mit der berühmten Marquise-Novelle der Schattenseiten von Nationalkultur und bürgerlicher Familie und den Kämpfen zwischen den Geschlechtern an.

Mit: Kathrin Angerer, Hendrik Arnst, Frank Büttner, Sylvester Groth, Marc Hosemann, Ilse Ritter, Jeanette Spassova und Joachim Tomaschewsky

Regie: Frank Castorf
Bühne und Kostüme: Bert Neumann
Licht: Torsten König
Dramaturgie: Sebastian Kaiser

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