Bruder Davids Brief ist im diesjährigen Corona-Advent von großer Aktualität.
Es geht darin um die Unterscheidung von „Angst“ und „Furcht“.
Wie können wir in den Zeiten der Pandemie mit diesen Gefühlen konstruktiv umgehen?
Was hilft uns wirklich?
Bruder David Steindl-Rast ist Benediktiner und ein gefragter Vortragender zu Themen wie „Achtsames Leben und Dankbarkeit“ oder „Gelebte Spiritualität und Solidarität“. Gemeinsam mit Rabbinern, Buddhisten, Hindus und Suffis gründete er bereits 1968 in den USA das erste „Zentrum für spirituelle Studien“. Zu seinen engsten Freunden zählen der Dalai Lama und Thich Nhat Hanh. Beide laden ihn immer wieder zu gemeinsamen Reisen ein. Mit dem Dalai Lama war Bruder David zuletzt in Boston.
Seine Bücher sind in vielen Sprachen erschienen und manche wurden sogenannte Bestseller.
Besonders bekannt wurde sein Buch „Credo“ über das katholische Glaubensbekenntnis und seine Biografie „Ich bin durch Dich so ich“.
Obwohl Bruder David damals schon einundneunzig Jahre alt war, besuchte er eine Aufführung unseres Theaterprojektes „Ettys Entscheidung“ über die holländische Jüdin Etty Hillesum. Im Anschluss veranstalteten wir eine interessante Podiumsdiskussion.
Siehe auch Video-Stream und Fotos auf der Website von Bruder David:
https://www.bibliothek-david-steindl-rast.ch/bibliothek/videos/filme/907-hass-muss-ein-signal-sein
Bruder David und Johannes Neuhauser sind seit vielen Jahren befreundet. Jedes Jahr im Advent sendet Bruder David einen Weihnachtsbrief an seine in aller Welt verstreuten Freunde:
+ Liebe Freunde,
in dieser festlichen Zeit des Jahres, geht es doch immer wieder um Geburt — sei es die Geburt neuen Lichtes in den dunkelsten Tagen des Winters, sei es die Geburt Jesu zu Weihnachten, sei es die Geburt eines neuen Kalenderjahres, zu dem wir einander hoffnungsfroh Glück wünschen.
Geburt gilt überall in der Welt als ein freudiger Anlass; und sie ist es auch. Aber wir wollen nicht vergessen, um welchen Preis diese Freude erkauft werden muss, was beide, die Mutter und auch das Neugeborene, da durchleiden müssen.
Nachdem meine arme Mutter mit mir als Erstgeborenem mehr als 24 Stunden lang in Wehen lag, bis ich dann (nicht mit dem Kopf sondern mit der rechten Hand zuerst) ans Tageslicht kam, hat das sicher auch mich allerhand gekostet und hat mein Lebensgefühl wohl entscheidend geprägt.
Aber wir haben’s geschafft. Ja, alle von uns dürfen rückschauend sagen: “Wir haben’s geschafft!” — rückschauend nicht nur auf unsere Geburt, sondern auf jede Lebenslage, die uns in die Enge trieb und uns Angst machte.
Angst und Enge sind ja im Deutschen wurzelverwandte Wörter und sicher nicht zufällig; unser menschliches Urerlebnis von Angst ist ja die Enge des Geburtskanals. Durch diese Enge gehen wir aber noch mit instinktiver Bereitschaft hindurch; erst später müssen wir mühsam erlernen, uns auf jede Angst so furchtlos einzulassen, wie uns das bei unserer ersten Angst spontan gelang.
Furchtlos ist da das entscheidende Wort. Angst ist im Leben unvermeidlich; zwischen Furcht und Mut aber können wir wählen: Furcht sträubt sich gegen die Angst (und bleibt so in der Enge stecken); Mut lässt sich voll Vertrauen auf die Angst ein (und findet so den Weg ins Weite). Mut nimmt dabei die Angst nicht weg; im Gegenteil: Wer nicht Angst hat braucht ja keinen Mut und hat auch keinen.
Wer aber mitten in der Angst aufs Leben vertraut, den führt das Leben durch jede Angst zu einer neuen Geburt. Zum Beweis genügt es, wenn wir zurückblicken auf die Engpässe unseres Lebens: Je drückender die Beängstigung, umso strahlender das überraschend Neue, das daraus hervorgeht. Es hilft mir, mich immer wieder daran zu erinnern.
Erinnerung an diese Lebenserfahrung kann uns allen helfen, besonders in Zeiten einer „großen Bedrängnis, wie sie nicht war vom Anfang der Welt bis jetzt.“ Ja, Ängste bedrängen uns von allen Seiten und sie zu leugnen, wäre selbst Ausdruck eines furchtsamen Sträubens gegen nüchternes Hinschauen auf die gegebene Welt. Was wir dennoch feiern dürfen ist unser Lebensvertrauen und den Lebensmut der daraus aufblüht „mitten im kalten Winter.“
Das Kind mit dem unsere Welt in Wehen liegt ist eine ganze Menschheit mit neuem, höherem Bewusstsein.
Diese Neugeburt verantwortungsbewusst und bereitwillig durchzustehen, darum geht es.
In großer Hoffnung auf das überraschend Neue, das nicht ohne unsere äußerste Anstrengung geboren werden kann und doch reines Geschenk ist,
Grüße ich Euch von Herz zu Herz,
Euer Bruder David
Über Bruder David Steindl-Rast
https://www.bibliothek-david-steindl-rast.ch
https://de.wikipedia.org/wiki/David_Steindl-Rast
Gelesen hat die Schauspielerin Bettina Buchholz:
https://www.landestheater-linz.at/public/Person%20Details?pid=167
An der Orgel spielte Peter Paul Kaspar:
http://www.peter-paul-kaspar.at/wer-ist-ppk/musiker/
Idee und Gestaltung Johannes Neuhauser:
https://www.bibliothekderprovinz.at/autor/johannes-neuhauser/
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