„Eine Forcierung der Kapitalisierung der Landwirtschaft wird nämlich nichts weniger als den sozialen Genozid der Hälfte der Menschheit nach sich ziehen. Für sie gäbe es keinen Platz mehr. Mehr noch: Unter der exklusiven Logik wirtschaftlicher Rationalität und finanzieller Effizienz wären sie nicht nur ineffizient, sondern gänzlich überflüssig. Nach der kapitalistischen Logik gehörten sie ausgelöscht.“
Samir Amin, Direktor des Dritte Welt Forums in Dakar, Senegal 2004
Die Feuer der Scheiterhaufen vergifteter Farmer brennen im sechs Stunden Takt in Vidarbha. Während Indien in den Städten boomt, kämpft das Land mit einer Agrarkrise die seit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation mehr als 270,000 Bauern in den Selbstmord getrieben hat.
Das Zentrum der Selbstmordwelle liegt in der etwa 100 Kilometer durchmessenden Region West-Vidarbha im ehemals wohlhabenden Baumwollgürtel Indiens. Ein Besuch der Region offenbart die immer gleichen Geschichten von Schuldenkreislauf, Landverlust und verzweifelten Bauern, nur die Pestizide mit denen sie sich vergiften ändern sich, obwohl manchmal auch ein Strick das Werkzeug ist oder ein Messer.
Es gibt zahlreiche Gründe für die Selbstmorde der Baumwollbauern in Vidarbha. Feudale Strukturen treiben die Bauern in die Abhängigkeit von privaten Geldverleihern, die ihnen zu Wucherzinsen Kredite für Saatgut, Dünger und Pestizide geben. Korruption und schlechte Infrastruktur, die Abhängigkeit vom Wetter und sehr kleine Felder schmälern den Ertrag der Bauern, während die Kosten für Nahrung, Medizin und Bildung in den vergangenen Jahren explodiert sind. Reflexartig schiebt die Regierung die Schuld auf die Bauern selbst, die angeblich Familienstreitigkeiten haben oder zuviel trinken.
Einen wichtigen Grund für den Massenexodus sehen viele in der Vernichtung des traditionellen Saatgutes mitte der 1990er Jahre. Statt wie bisher ihr Saatgut aufzubewahren und es im folgenden Jahr auszusäen sind die Bauern jetzt gezwungen dieses jedes Jahr neu zu kaufen.
Die Situation für die Bauern verschlechterte sich weiter, als in Indien 2002 genmanipulierte BT- Baumwolle zugelassen wurde. Diese soll bei höherem Ertrag den Pestizideinsatz verringern und so der Umwelt nützen und die Produktionskosten verringern. Die Bauern dagegen berichten, dass mit der BT-Baumwolle neue, bisher in Indien unbekannte Schädlinge wie die Schmierlaus eingeführt wurden, die die Felder zerstört, obwohl die Farmer mehr Pestizide als bisher sprühen. Und auch die nach Werbeaussage höheren Erträge lassen sich nur durch exzessive Düngung und Bewässerung erreichen – eine Illusion in Vidarbha wo mehr als 90% aller Felder vom Regen abhängig sind.
Mittlerweile gibt es in Vidarbha fast nur noch BT-Baumwollsorten zu kaufen, die den Händlern einen höheren Profit garantieren. So geraten die Bauern immer mehr in die Abhängigkeit der Saatgut- und Chemiehändler, die ihnen auch Kredite zu Wucherzinsen von 50% geben und schließlich die Ernte aufkaufen. In der Schuldenfalle gefangen müssen die Bauern jeden Preis für ihre Baumwolle akzeptieren, seit Indien durch die Regeln der Welthandelsorganisation gezwungen wurde, sich aus dem staatlichen Ankauf zurückzuziehen. Während sich die Produktionskosten für Baumwolle verzehnfachten und die Kosten für Nahrung, Medizin und Bildung explodierten, brach der Baumwollpreis auf ein Drittel ein.
Laut einer Regierungsstudie sind von den ca. 2,5 Millionen Baumwollbauern in Vidarbha etwa 600.000 akut von Selbstmord gefährdet. In diesen Familien reichen die Lebensmittelvorräte durchschnittlich für zwei Tage und so wechseln sich die Erwachsenen ein bis zwei Tage pro Woche mit Fasten ab. Ein Leben am Rand des Verhungerns. Nach dem Tod eines Bauern bleibt dessen Witwe auf den Schulden sitzen und verliert ihr Land an die Geldverleiher, die mittlerweile die größten Landbesitzer sind.