gerard

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Würde jeder einzelne Mensch seine wahre Leidenschaft entdecken und diese ab sofort jeden Tag bedingungslos ausleben, dann hätten wir eine »Neue Welt«. Genau das ist die gesellschaftliche Utopie, die Gerard auf seinem neuen Album zeichnet. Zwei Jahre nach seinem Geheimtipp »Blausicht« kehrt der Wiener Künstler mit einer zukunftsweisenden Platte zurück, die das Leben im Moment zelebriert.

Es mag eine Plattitüde sein, aber in den zwei Jahren seit »Blausicht« ist bei Gerard tatsächlich einiges passiert. Auf privater Ebene ist mit seinem Großvater eine wichtige familiäre Bezugsperson verstorben, der mit »Licht« ein absoluter Ausnahme-Song auf »Neue Welt« gewidmet ist. Sein Opa war selbst leidenschaftlicher Fotograf, konnte diese Neigung jedoch nie ganz ausleben, weil er eine Familie ernähren und in den Krieg ziehen musste. Aufgrund der letzten intensiven Gespräche mit ihm empfindet Gerard umso mehr die Pflicht, seiner inneren Bestimmung zu folgen und zu versuchen, die Welt mit seiner Kunst zumindest ein klitzekleines Stück schöner zu machen.

Sein letztes Album »Blausicht«, das vor zwei Jahren aus dem Nichts in die Top 30 der deutschen Albumcharts und in die österreichischen Top 15 einstieg, war noch sehr stark von Zweifeln, Hoffnungen und Gedanken über eine undefinierte Zukunft bestimmt. Auf »Neue Welt« huldigt Gerard, mittlerweile als Künstler wie als Mensch gereift, viel mehr dem Moment. Denn die Vergangenheit können wir nicht ändern, die Zukunft nur sehr begrenzt beeinflussen. »Feelings are the only facts«, sagte schließlich schon Kanye West. Ein Bekenntnis zum Phlegma ist das nicht: Dafür, dass man auch in Zukunft jeden Moment genießen kann, muss man auch etwas tun.

HipHop hat Gerard sein Selbstvertrauen vermittelt. Für ihn ist diese Kultur ein Ausdruck davon, alles machen zu können, was man will, und gerade musikalisch keine Regeln und Grenzen zu akzeptieren. Die Rap-Szene, der er ursprünglich entsprang, verfolgt er heute eher als stiller, durchaus begeisterter Beobachter am Rande. Während zuletzt der experimentelle, globale Beat-Untergrund als musikalischer Ausgangspunkt herhalten konnte, ist der Sound diesmal eher bei der zeitgenössischen, innovativen Popmusik von Bands wie Bilderbuch oder Miike Snow anzusiedeln. In eine Genre-Schublade pressen lässt sich das Ergebnis trotzdem nicht mehr. Reden wir doch stattdessen angesichts von »Neue Welt« einfach von »Gerard-Musik«.

Mit Maeckes, OK Kid und Lot sind drei Gastauftritte von alten Weggefährten und neuen Freunden auf »Neue Welt« mit von der Partie. Die Produktionen, Melodien, Sounds und Arrangements stammen von Patrick Pulsinger, Nvie Motho, Stickle, Claud, Alex The Flipper, René Mühlberger, Wandl und Philip Böllhoff von den Beatgees. Das Album wurde im Vintage-Studio der Wiener Electronica-Ikone Pulsinger aufgenommen, der wieder den kompletten Mix des Albums verantwortete. Doch bei allen musikalischen Aspekten hatte diesmal auch Gerard selbst seine Finger im Spiel. Vielleicht auch ein Grund, warum »Neue Welt« wie nichts klingt, was es im HipHop-Spiel schon gibt.

»Neue Welt« ist auch insoweit eine Gesellschaftsutopie, als dass Gerard sich zwischen den Zeilen der Songs fragt, wie wohl die Generationen nach uns leben werden. Welche Werte werden sie verfolgen, was wird sich an ihrer Lebensphilosophie ändern? Wegen welchen Werten und Idealen wird man die heutige Generation später auslachen oder bewundern? Wird der bessere Mensch in der »neuen Welt« für die Sorgen, Zwänge und Probleme der heutigen Gesellschaft nur noch ein müdes Lächeln übrig haben?

Gerard will die Welt nicht im Alleingang ändern. Das wäre Hybris. Doch er will ein Puzzlestück in einer größeren Bewegung sein und andere Menschen mit seiner Musik inspirieren, ihr Leben nicht tatenlos an sich vorbeiziehen zu lassen. In »Goldregen«, dem letzten Song auf dem Album, stellt sich Gerard selbst die Frage, was vom Tag eigentlich bleibt, wenn man einen Beruf ausübt, der einen in Wahrheit nicht erfüllt. Die Antwort lautet: In etwa drei Stunden. Das reicht Gerard nicht. Es sollte euch auch nicht reichen. Willkommen in der »Neuen Welt«.

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